Mosaikstückchen

Ich war vier Tage in Bullerbü. Und es liegt gar nicht in Schweden, sondern in Vorpommern, in der Nähe von Lassan. Dort war ich auf einem Seminar (das einen eigenen Blogbeitrag wert ist) zum Thema Naturspiritualität (was etliche weitere Beiträge wert ist).

WP_20160603_009Aber ein paar Erkenntnisse schon mal vorab… Weniger vom Seminar selbst, sondern von dem, was sich immer mehr zusammenfügt.

Der Gedanken-(Um)Schalter

Kurz vor dem Seminar bin ich auf eine Achtsamkeits-Übung gestoßen (und zwar hier), die die Achtsamkeits-Freaks sicherlich alle kennen, die für ich aber neu war. Sie ist ganz einfach: Man beobachtet seine eigenen Gedanken und benennt, was für eine Art des Gedankenmachens das ist. Man erkundet also, was man gerade gedanklich tut: organisieren, planen, träumen, klären, schwelgen, erinnern, ärgern und so weiter… Das war auch schon die ganze Übung. Für mich war sie erhellend, denn ich entdeckte, wie oft es in meinen Gedanken darum geht… mich aufzuregen. Und über das Ausmaß war ich überrascht. Erschrocken.

Die zweite Erkenntnis dabei: „drinnen“ (und im Straßenverkehr!) ist es viel schlimmer als „draußen“. Als ich nun bei dem Seminar vier Tage fast ununterbrochen draußen war, war das weg. Mein Aufreg-Modus lag bei null. Bei einem Schwellengang habe ich einen ähnlichen Zusammenhang meiner Gestimmheit entdeckt. Ich saß zwei Stunden unter einem Baum. Linkerhand lag ein Wiesen- und Waldrand, rechterhand ein Getreidefeld. Habe ich nach rechts geschaut, also auf das Kulturland, war ich im Kopf. Habe ich auf die urwüchsige(re) Natur geschaut, war ich nicht mehr Kopf (wobei ich nicht genau sagen kann, wo ich statdessen war). Die Erkenntnis? Ich brauche gar keine Resilienzstudien, um zu wissen, wie wertvoll die Verbindung mit der Natur ist.

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Vier Verbindungen

Wenn ich in der Natur bin – und Zeit habe – fühle ich mich oft recht schnell mit der Natur verbunden. Wenn ich mich mit ihr verbunden fühle, bin ich generell besser in Verbindung – auch mit mir selbst. Kurioser Weise auch mit vielen Menschen, die gar nicht da sind. Ich bekomme einen Sinn für das Verbundensein mit allem, was lebt. Und mit dem Grund des Lebens. Nennen wir ihn Gott.

Die Verbindung mit Gott ist die abstrakteste, die mit anderen Menschen wohl die gewöhnlichste. Dadurch sind die beiden oft nicht präsent. Der Verbindung mit mir selbst ist sicherlich die unbequemste und die Verbindung mit der Natur (mit der Schöpfung / mit der Erde / mit allem, was lebt) die vergessenste dieser vier Dimensionen.

Sich mit diesen vier Dimensionen zu verbinden und zu versöhnen, wird mir immer wichtiger. Und ich versuche, diese Zusammenhänge immer mehr zu klären. (Details folgen…!)

Interessanter Weise fügt jedes Seminar, das ich in diesen seminar- und erkundungsreichen Zeiten mache, ein kleines Stückchen hinzu. Ein neues Steinchen, von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wo ich es einfügen soll, ist der (mittlerweile immer wiederkehrende) Fingerzeig, bei dem Verbundensein die Vorausgegangenen und die Nachfolgenden nicht zu vergessen, also die Vorfahren und die (noch nicht geborenenen) Nachkommen – sowohl die eigenen, als auch die der Menschheit generell.

Essen als Sakrament

Und noch ein Thema schält sich für mich immer mehr heraus: die allumfassende Bedeutung des Essens. Wobei es gar kein weiteres Thema ist, sondern ein konkreter „Anwendungsfall“ dieser vier Verbindungs- und Versöhnungsdimensionen. Allerdings ein ganz wesentlicher.

WP_20160602_002Ich bin mittlerweile davon überzegt, dass das Essen und alles, was damit zu tun hat, der wesentliche Faktor für unser Überleben und Miteinanderleben auf diesem Planten ist: Produktionsmittel und Landbesitz. Saatgut und Kulturtechniken. Würde und Entfremdung. Wirtschaft und Nachhhaltigkeit. Zubereitung und Ästhetik. Mäßigung und Sättigung. Klimawandel und Kriege. Erwerbsarbeit und Konsum. Gemeinschaft – und Sakrament. Also eigentlich… fast alles.

All das wurde für mich noch mal handgreiflich bei dem einfachen, aber guten Essen während des Seminars, bei der liebevollen Zubereitung und Anrichtung, bei der unglaublichen Fülle, die dar war, obwohl es gar keine „Massen“ an Lebensmittel gab.

Vor kurzem bin ich auf den Gedanken der Sakramentalität des Essens gestoßen (Danke, Hannes!). Ich habe einige Auszüge aus dem Buch The Theology of Food von Angel Méndez-Montoya gelesen, ein katholischer Theologe aus Mexiko. Es hat mich sofort angesprochen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe. Und beim Weiterstöbern habe ich dann Lisa McMinns Spirituality of Food, Farming und Community entdeckt. Sie ist Quäkerin, die mit ihrer Familie in Amerika eine SoLaWi betreibt (hier ein Interview mit ihr).

Und ich ertrage es kaum noch, dass gerade in der Kirche ökofair allenfalls bei Kaffee funktioniert, vegetarisch immer noch die Zusatzoption und nicht die Selbstverständlichkeit ist, vegan natürlich belächelt wird und es grundsätzlich wenig Kultur bei Zubereitung und Verzehr gibt. Zeige mir bei einer kichlichen Veranstaltung die Verpflegung und ich sage dir, welches spirituelle Verständnis vom Leben dort herrscht!

Was nähre ich und was nicht?

A propos Nahrung… Eigentlich habe ich hier schon alles dazu geschrieben, aber die Quintessenz wiederhole ich gerne:

Achte auf das, womit du dich umgibst und was du nährst!
Denn was dich umgibt, beeinflusst dich und was du nährst, wächst.

Als ich wieder zuhause war, schwappte mir gleich #AnneWill mit dem AfD-Gauland über alle Kanäle rein. Ich habe mich natürlich gleich wieder aufgeregt, ein paar Empörungs-Tweets retweetet, gerne die, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass die Aufregung über die AfD sie immer wieder nach oben treibt. … ! … Okay, ich hab’s verstanden. Das waren die letzten Tweets dieser Art. Ich nähre das nicht mehr. Ich will Lebensdienliches stärken.

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